Dass der Begriff „Wir“ im Laufe der Zeit einen ganz unterschiedlichen Stellenwert
einnahm, zeigte Helmut Graf auf. Er zitierte aus der Zeitschrift „Psychologie
heute“: „Hatten wir vor 20 Jahren im Durchschnitt sechs enge Freunde und
35 Bekannte, sind es heute neun enge Freunde und 155 Kontakte. Moderne Nomaden
gehen mehr soziale Bindungen ein als jemals zuvor.“ Soziale Netzwerke
wie Facebook, MySpace oder Youtube, die Popularität von Papstauftritten, Fußball-
oder Eurovisionswettbewerben: Überall und durch alle Altersklassen hindurch artikuliere sich der Wunsch nach neuen Gemeinschaftsidealen, wobei die Anlässe fast willkürlich auswählbar scheinen: „Wir sind Papst. Wir sind Deutschland. Wir sind das Volk. Wir sind Lena.“ Kein Wunder also, wenn das Wörtchen „Wir“ auch von der Werbung oder von Parteien gern eingesetzt wird. Graf: „In den 70er und 80er Jahren verschwand das Wort analog zur Werbesprache. Dann tauchte es wieder in den 90ern auf und führt seither die Hitliste der hundert häufigsten Wörter der deutschen Werbeslogans unangefochten an.“

Der Primatenforscher Sommer erzielte einen ersten Heiterkeitserfolg, als er
die große Runde mit der Anrede „Liebe Mitprimaten!“ begrüßte und anfügte: „Ich
stehe vor Ihnen als bekennender Menschenaffe.“ Bei der Hardware, dem Körperbau,
sei die Abstammung von „unserer wilden Verwandtschaft“ nicht zu leugnen.
Problematischer wäre dies bei der Software: bei Gedanken, Träumen und „wann
der Affe in uns steckt“. Der Professor: „Die Schimpansen sind unsere nächsten
Verwandten.“ Was sich in deren Köpfen abspielt, das beleuchtete der 56-jährige
Inhaber eines Lehrstuhls für evolutionäre Anthropologie am University College London
auf eindrucksvolle Art. So faltet sich der Schimpanse die rauen Blätter einer
bestimmten Buschart zum Verzehr, wenn er Durchfall hat. „Da muss ein Verständnis
dahinter stehen. Im Wald gibt es Tausende von Blättern“, erklärte Sommer.

Und: „Soziale Interaktion erhält diese Verhaltensweise am Leben.“ Das gilt auch für das
Herstellen von Werkzeugen, mit denen die Schimpansen Honig aus Nestern von
Bienen holen oder Termiten angeln, Probebohrung eingeschlossen. Der Mensch
verspiele Chancen, wenn er seine nächsten Verwandten verliere, deren Überleben
in Gefahr sei. „Diese Kreaturen können wie wir denken, leiden, sich etwas in die
Zukunft wünschen, haben ein Wir-Gefühl.“

Friedrich Schorlemmer (66) zog nach den Rufen wie „Wir sind das Volk, wir
sind ein Volk“ im Herbst 1989 Resümee: „Die Kommunisten wollten den Weg vom
Ich zum Wir bahnen und enteigneten das Ich, beschnitten die Freiheit in einer fürsorglichen

Belagerung. Wir sind wieder zurückgekehrt vom Wir zum Ich, aber
es gibt ein neues vereinnahmendes Wir. Um es zugespitzt zu sagen: vom ideo-
logisch-enteignenden zum merkantilokkupatorischen Wir.“ Der Mitbegründer
des Demokratischen Aufbruchs in der Wendezeit und Prediger an der Schlosskirche
zu Wittenberg monierte: „Wir sind von einem Wir-Gerede umstellt.
Ein Wir wird suggeriert, ein Interesse kaschiert.“ Und doch landete Schorlemmer
versöhnlich: „Das Wir wird konstituiert durch einen gemeinsamen Glauben,
durch die Liebe und die Hoffnung. Nicht von ungefähr ist das hohe Lied der
Liebe nicht in der Wir-Sprache, sondern in der Ich-Sprache verfasst.“ Die Briefe
des Apostels Paulus etwa seien ganz und gar von der Wir-Sprache geprägt.
Er beginne viele seiner Gedankengänge mit dem Satz: „Was wollen wir nun dazu
sagen?“ Das Wir meint bei Paulus immer die innerste Zusammengehörigkeit aller,
die durch Christus in Freiheit entlassen sind, die aber der Barmherzigkeit, der
Solidarität, der Liebe, der Sorge der je anderen bedürftig bleiben, erläuterte
Friedrich Schorlemmer.

Gregor Gysi (62) fragte: „Wer ist Wir? Wer trägt Verantwortung?“ Der Vorsitzende
der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag: „Real haben diejenigen politische
Verantwortung, die legitime Macht ausüben. Sie haben Verantwortung für
das, was sie tun, sie haben Verantwortung für alle Folgen ihres Tuns, und sie
sind verantwortlich gegenüber denen, die sie mit legitimer Macht ausstatten.“
Aber: „Das Wir ist nicht einheitlich, es ist sehr kontextgebunden. Das Wir bezeichnet
immer etwas Kollektives, ein Ensemble. Mit Wir wird ein Bezug auf
alle Menschen ausgedrückt.“ Auf die Gemeinschaft aller Vernünftigen etwa. Aber
dieses moralische und ökologische Wir sei sehr fragil, durch unterschiedliche
kulturelle Traditionen und massive Interessengegensätze geprägt. Die Folge:
beispielsweise Rassismus oder Kriege. „Neben der ,Menschheit’ stehen ständig
Gemeinschaften wie Gruppen, Klassen, Staaten, die auch ein Wir-Bewusstsein
erzeugen können, das mit dem Moral- Wir in Dauerkonflikt gerät.“ Gysis Fazit:
„Im Staatssozialismus wurde der Mensch vornehmlich als gesellschaftliches Wesen
gesehen und nicht als Individuum. Im Kapitalismus wird der Mensch trotz
aller Vereinnahmungsversuche vornehmlich als Individuum gesehen und nicht als
gesellschaftliches Wesen. In Wirklichkeit sind wir beides, Individuen und gesellschaftliche
Wesen.“

Mariecke Beerwerth, Bleu Broode, Stephan Dörsing, Jan Kai Goldberg, Benedict
Hegemann, Julian Heun, Philip Krause, Elena Lorscheid, Leonard Pinke
und Temye Tesfu hatten ihre Gedichte unter das Thema „Wir – Plagiate, Algorithmen
und viele blaue Wunder“ gestellt. Und es war wie bei der Premiere
des Poetry-Slam im letzten Jahr: Der stärkste Beifall des Auditoriums entschied
über den Sieg. Das „Wir“ war also gefragt. Es bestimmte auch die Textpassagen.
Kleine Kostproben: „Wir sind die Wirklichkeit. Wir akzeptieren die Wirtschaftskrise“
oder: „Reden und nichts sagen, Phrasenseifenblasen.“ Oder: „Ich frage trostlos, was noch wir ist.“ Es gewann den Wettbewerb Julian Heun aus Berlin vor dem Duo Mariecke Beerwerth und Jan Kai Goldberg sowie der Drittplatzierten Elena Lorscheid. „Wir sind
Slam-Poeten.“

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