Risikobewusstsein ist unser tägliches Programm

„Wir brauchen die Bereitschaft zum bewussten Risiko“, betonte Helmut Graf, Vorstand des Verlags für die Deutsche Wirtschaft AG bei der Begrüßung der 420 Gäste, die auf den Petersberg gekommen waren, um zum Thema „Risiko, Gefahren, Herausforderungen, Chancen“ Beiträge des Ballon-Pioniers Dr. Bertrand Piccard, des ehemaligen Bundesministers Hans-Dietrich Genscher und des Mitgründers der Cargo Lifter AG, Heinrich Schliephack zu hören und zu diskutieren.

Der Moderator, Prof. Dr. Matthias Haller, zugleich Präsident der Stiftung Risikio- Dialog, führte in die Thematik ein, regte die Gäste zu internen Gesprächen über ihre Risiko-Einschätzung an und umriss seine Erwartungen an die Veranstaltung mit den Worten: „Ich messe den Erfolg des heutigen Tages daran, ob es uns gelingt, Ihnen Impulse zu geben“. Und bereits der erste Referent übertraf diese Erwartungen: Dr. Bertrand Piccard, der 1999 gemeinsam mit seinem britischen Copiloten die Welt in zwanzig Tagen in einem Ballon umkreist hatte, war gekommen, um über Winde zu sprechen, über Winde, die ins Unbekannte führen und damit Risiken bergen, die zwar einkalkuliert, aber nie vollständig kontrolliert werden können. „Wir wollen aber keine Fragezeichen, wir wollen Ausrufezeichen“, gab Piccard zu bedenken. „Aber wenn wir akzeptieren, dass wir bestimmte Dinge nicht ändern können, gewinnen wir die Freiheit, unser Bewusstsein zu öffnen, um auf Unbekanntes vorbereitet zu sein.“ Die Stärke, die der Schweizer Arzt bei seinen langjährigen Erfahrungen mit günstigen und ungünstigen Winden gewonnen hat, besteht darin, das Versagen in Kauf zu nehmen, sich der Lächerlichkeit preiszugeben und dennoch den Mut zum Weitermachen zu haben. Stärke bedeutet aber auch, Angst nicht zu verleugnen oder zu verdrängen, sondern zu akzeptieren. Und welche Rolle spielt das Glück bei der Risikoabschätzung? „Glück kann man nutzen, um das Risiko zu managen. Aber Glück allein reicht nicht. Je besser ich auf Risiken vorbereitet war, desto besser konnte ich damit umgehen. Aber nur, wenn der Wind in die gleiche Richtung führte wie mein Weg, wird er zum Glück beitragen.“

Ein Quäntchen Glück war auch dabei, dass der zweite Referent, Hans-Dietrich Gentscher zwischen zwei Terminen doch einen Zwischenstopp auf dem Petersberg einlegen konnte und sogleich den Faden aufgriff: „Ich bin zwar kein Ballonfahrer, aber als Nutzer von Flugzeugen ja bekannt, und auch an den Umgang mit Fallschirmspringern bin ich gewöhnt.“ Dann jedoch lenkte der ehemalige Vizekanzler das Augenmerk auf die Chancen und Risiken politischer Entscheidungen: „Nichts entwickelt sich von selbst. Politik appelliert an die Fantasie, und die Geschichte pflegt ihre Angebote nicht zu wiederholen.“ Die Globalisierung beinhalte deshalb nur ein großes Risiko: Das Nicht-Erkennen ihrer Unvermeidbarkeit. „Die ganze Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Globalisierung, und es ist keine Frage, ob wir daran teilnehmen wollen“, betonte Genscher, um daraufhin den Blick auf die Wurzeln des Unbehagens zu werfen: „Wir müssen uns fragen, warum wir so schwach sind und Angst vor dem Wettbewerb haben. Wir müssen im Wettbewerb eine Chance sehen. Ich bin gekommen, um Sie dazu zu ermutigen!“

Jede Menge Mut stellte der dritte Referent, Mitgründer der schwer angeschlagenen Cargo Lifter AG, Heinrich Schliephack, unter Beweis, als er den Gästen vor Augen führte, wie es hierzulande um bahnbrechende Innovationen und ihre Förderung aussieht, auch wenn er freimütig einräumte: „Wir haben wenige Fehler, die man machen konnte, ausgelassen.“ Zwei Jahre nach einem der größten Börsengänge in Deutschland hängt das Schicksal des Unternehmens am seiden Faden. Wenn Sie diesen Text lesen kann er schon gerissen oder aber stabilisiert worden sein. Denn, so Schliephack, „es herrschen politische Kräfte, die nicht mehr voraussehbar sind.“ Einst als Vorzeigeprojekt für den Hochtechnologie-Standort Deutschland gefeiert, hat der fliegende Kran rapide an Auftrieb und an Unterstützung verloren. Und wenn der Glaube an die innovative Idee erst einmal erschüttert ist, beginnt auch der finanzielle Absturz. Und dennoch ist Schliephack zuversichtlich: „Unternehmen können scheitern, Ideen nicht!“

Mit dem Impuls - oder, um im Bild zu bleiben, der frischen Brise, die von den facettenreichen Vorträgen und Gesprächen auf dem Petersberg ausging, dürfte der St. Gallener Risikoexperte Prof. Haller ebenso zufrieden sein wie der gastgebende Verlag – und nicht zuletzt die Gäste.

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