Mut zum Mut

Helmut Graf, Vorstand des Verlages für die Deutsche Wirtschaft AG, begrüßte anlässlich des 3. Petersberger Forums im Bankettsaal des Gästehauses die über 450 geladenen Gäste zu einer Veranstaltung, die nicht besser an die beiden vorhergehenden Foren hätte anknüpfen können. Denn latent beherrschte bereits vor zwei Jahren der Aspekt des Mutes die Vorträge zum Thema „Risiko“. Und auch im Vorjahr, als „Misstrauen/Vertrauen“ im Mittelpunkt des Forums stand, ging es implizit immer auch um Mut. Dieses Jahr also: Mut pur.

„Die Tatsache, dass im Rahmen des Petersberger Forums Themen angesprochen werden, die wir alle kennen, aber kaum in dieser Dichte reflektieren, macht diese Veranstaltung zu etwas Besonderem“, stellte der Schweizer Moderator Prof. Dr. Matthias Haller, Gründungs-Mitglied und Präsident der Stiftung Risiko-Dialog, fest. „Man spürt hier, dass auch Veranstaltungen eine Art Seele bekommen können. Sie erhalten sie durch den Ort, den Veranstalter, die Teilnehmer und die Themen.“ Dem diesjährigen Thema „Mut – Gefahren, Herausforderungen, Chancen“ stellten sich drei Referenten, die auf unterschiedlichste Weise ihren Mut bewiesen haben.

Der Inhaber der Trigema GmbH & CO. KG, Wolfgang Grupp, stemmt sich als mittelständischer Unternehmer einer „aussterbenden Branche“ erfolgreich gegen den Trend, wenn er ein klares Ja zur Produktion von Textilien am Standort Deutschland ausspricht. Woher nimmt er den Mut? In erster Linie wohl aus seiner Definition von Unternehmertum: „Wichtigste Aufgabe des Unternehmers ist es, den Wandel der Zeit zu erkennen und seine Mitarbeiter einzubinden.“ Die Sicherung von rund 1200 Arbeitsplätzen am Unternehmensstandort empfindet Grupp als unternehmerische Pflicht und zugleich als Garant des wirtschaftlichen Erfolgs: „Langjährige Mitarbeiter sind mein Kapital! Nicht das Streben nach Größe und Macht, sondern die Sicherung der Arbeitsplätze hat deshalb für mich Priorität. 80 Prozent der Mitarbeiter sind seit ihrer Lehrzeit im Hause, sämtlicher Nachwuchs stammt aus den eigenen Reihen.“ In Anknüpfung an „die Tugenden unserer Großväter“ definiert Grupp seine eigene Rolle: „Als Verantwortlicher muss ich nicht nur alle risikoreichen Entscheidungen selbst treffen, ich auch der allein Schuldige, wenn Trigema einmal Probleme haben sollte.“ Vorerst jedoch sieht er die Probleme bei denjenigen, die aus kurzfristigem Gewinnstreben ihre Produktion ins Ausland verlegen. Er kenne keinen, der im Ausland reicher geworden sei, wohl aber viele, die inzwischen ärmer seien, unterstreicht der Enkel des Firmengründers, dem der unternehmerische Mut in die Wiege gelegt zu sein scheint.

Eine andere Form „gelebten“ Mutes stellte Prof. Dr. Wladyslaw Bartoszewski, Teilnehmer des Wahrschauer Aufstandes, Botschafter Polens in Österreich, ehemaliger polnischer Außenminister und international anerkannter Zeithistoriker, in seiner facettenreichen Rede dar. „Mut ist nicht angeboren. Er kann aber unter Druck entstehen. Das war bei mir der Fall, als mich eine bekannte polnische Schriftstellerin während der NS-Herrschaft in Polen fragte, ob ich mithelfen wolle, Juden zu retten. Zunächst habe ich vor Angst geschwitzt, ich habe fast geweint. Aber ich konnte nicht anders. Denn ich wusste: Wenn man etwas tun muss, warum soll ich es dann nicht tun? Auch wer Angst hat, kann sich mutig benehmen. Doch in den Büchern heißt es dann in solchen Fällen: Er war ein Held.“ Mut ist nach Ansicht des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels, der insgesamt 12 Jahre in Deutschland und Österreich gelebt und zuvor unter den Diktaturen von Hitler und Stalin gelitten hatte, keine Eigenschaft, sondern eine Herausforderung, die man gelegentlich annimmt. Wie gesagt: gelegentlich! Wer im Bombenhagel Mut beweist, kann am Arbeitsplatz ein Feigling sein. Denn: „Mut heißt auch, gestehen zu können, dass man falsch gehandelt hat. Mut ist so vieles. Ich habe über alles und nichts geredet. Aber ich glaube, wir haben uns verstanden“, schloss Bartoszewski. Tosender Applaus bestätigte diese Vermutung.

Eine dritte Lesart von Mut vermittelte der „Cap Anamur“-Gründer und Initiator der weltweit tätigen „Grünhelme“, Dr. Rupert Neudeck, der direkt „aus den Hütten des Ost-Kongo“ auf den Petersberg gekommen war. Sein Credo angesichts allgemeiner Mutlosigkeit lautete: Mut kann man trainieren, indem man für ein paar Monate aus der gewohnten Welt „herausspringt“, Risikobereitschaft und ein gewisses Maß von „Lust an der List“ entwickelt und sich engagiert. „Wir sollten nicht auf die großen Herausforderungen warten, sondern versuchen, die aktuelle Realität zu verbessern. Mut kann man lernen, wenn man Herausforderung annimmt, Herausforderungen zu humanitären Aktionen zum Beispiel. Da darf man nicht immer fragen: Wer ist zuständig? Man kann als freier Bürger in einem freien Land loslegen, ohne den bürokratischen Weg zu gehen.“ Die deutsche Gesellschaft sei hilfsbereit wie keine andere Europas, wenn es gelte humanitäre Projekte zu unterstützen. Und diese Art von Unterstützung und von mutigem Engagement gewinne in den nächsten Jahren eine immer größere Bedeutung. „Wir müssen vor uns selbst gerade stehen können, um anderen zu helfen“, stellte Neudeck fest. Die oberste Instanz für mutiges Handeln sei immer der Handelnde selbst. Denn worin auch immer Mut zum Ausdruck komme, er müsse eine soziale Dimension haben. Der Bonner Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG hat mit der Reflexion und der Debatte zum Thema Mut einen mutigen Schritt in diese Richtung gemacht.

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