Vertrauen birgt Risiken, Misstrauen auch!

Nach dem großen Erfolg des 1. Petersberger Forums zum Thema "Risiko" entschloss sich der Vorstand des Verlags für die Deutsche Wirtschaft, Helmut Graf, das nächste Forum unter das Motto "Misstrauen" zu stellen. Und dieses Motto hätte nicht besser gewählt sein können: Denn wie eng Risiko mit Vertrauen, bzw. Risikovermeidung mit Misstrauen einhergeht, wurde in den Vorträgen der prominenten Referenten deutlich.

Die Moderation lag mit Prof. Dr. Matthias Haller wiederum in bewährter Schweizer Hand. Als Einstieg in die Problematik spielte er ein Video ein, in dem Altbundeskanzler Adenauer Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit als Grundlagen fruchtbarer Verhandlungen proklamiert, zugleich jedoch einräumt, dass Politiker nicht immer alles sagen können. Doch das, was sie sagen, müsse ehrlich sein. Und obgleich Haller betonte, dass es bei dem Thema Misstrauen nicht um politische Tagesfragen gehe, schwang in allen Beiträgen, ausgesprochen oder implizit, der Vertrauensverlust in die Führungskaste von Politik und Wirtschaft in Deutschland mit.

Der ehemalige Generalsekretär der CDU und Ex-Bundesminister Dr. Heiner Geißler griff Adenauers Forderung an die Politiker auf und betonte: „Die Pflicht, die Wahrheit zu sagen, besteht nur, wenn es einen Anspruch auf Wahrheit gibt.“ Das Volk habe diesen Anspruch, und alle Parteien seien gut beraten, ihn auf zu erfüllen. Denn Unglaubwürdigkeit werde, wie man gesehen habe, von den Wählern bestraft. „Man kann nicht jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf reiben! Die Leute sind gut informiert, deshalb wird es immer schwerer, sie anzulügen.“ Nur wer Grundsätze bewahre, sei auch glaubwürdig. Und diese Glaubwürdigkeit komme in der Einheit von Denken, Reden und Handeln zum Ausdruck, betonte Geißler. Um die gegenwärtige Vertrauenskrise zu überwinden, bedürfe es der Partizipation der Bürger ebenso wie der Überwindung des Grabens von Geist und Macht. „Politiker befinden sich zunehmend in Wahrnehmungsblockaden. Sie wissen nicht mehr, was den Wähler wirklich bedrückt. Wir brauchen Genies der werdenden Wirklichkeiten!“ forderte Geißler, der ein Vierteljahrhundert deutscher Parlamentsgeschichte aktiv mitgestaltet hat.

Prof. Dr. phil. Gertrud Höhler, die erfolgreich als Beraterin für Wirtschaft und Politik (Berlin) tätig ist, machte die Führenden dafür verantwortlich, dass sich die Menschen wohl wühlen. In erster Linie allerdings sei es erforderlich, dass sich jeder selbst vertraut und dann aus dieser Stärke heraus Schwächeren einen Vertrauensvorschuss gibt. „Vertrauen fordert und schützt! Wenn ich jemandem sage: ,Ich trau dir das zu, enttäusche mich nicht!’ verhelfe ich ihm zu Selbstbewusstsein, motiviere ihn und schütze mich vor dem Dauerstress, ihn unablässig kontrollieren zu müssen. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Und auch wenn es ein Wagnis ist, müssen wir es eingehen.“ Abgesehen davon sei Vertrauen ein verlässliches Mittel zur Leistungssteigerung, indem es Zeit und Kosten spare und die Qualität der Arbeit verbessere. „Der Mensch hat keine Wahl: Er muss vertrauen, um in einer immer komplexeren Welt zu überleben. Ich weiß nicht alles, aber ich vertraue darauf, dass andere anderes wissen. Wir brauchen eine Vertrauenskultur!“ Gertrud Höhlers Appell an den Mut, Vertrauen zu schaffen, wurde von den 480 Gästen mit stürmischem Applaus aufgenommen.

Die Risiken unumschränkten Vertrauens standen im Mittelpunkt des Vortrags von PD Dr. Wilhelm Schmid: „Es ist nicht das Ideal, dass Misstrauen gänzlich zu verlieren, auch nicht sich selbst gegenüber. Wissen wir denn noch, was Vertrauen ist, wenn es kein Misstrauen mehr gibt?“ Die aktuelle Vertrauenskrise in Wirtschaft und Politik führte Schmid darauf zurück, dass es eine Zeitlang zuviel Vertrauen gegeben habe und das Misstrauen zu kurz gekommen sei. Jetzt habe es wieder seinen angestammten Platz eingenommen. Das eigentliche Problem jedoch sein unsere mangelnde Selbstgewissheit. „Wir müssen unsere eigene Zerrissenheit überwinden und lernen, uns selbst zu trauen“, mahnte Schmid. Aus der neu gewonnen inneren Balance heraus gelangen auch Vertrauen und Misstrauen in das richtige Verhältnis, das der Philosoph auf die Formel brachte: „Misstrauen ist dort am Platz, wo Vertrauen Dummheit wäre.“ Um jedoch zu erkennen, wo Skepsis angebracht ist, bedarf es eines aus Erfahrung und Reflexion gewonnen Gespürs. Das Petersberger Forum hat dieses Gespür geschärft.

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