Macht ist nicht an sich böse

Gewicht und Bedeutung der Macht für uns Menschen ist kaum zu überschätzen. Das verdeutlichte Gastgeber Helmut Graf, Vorstand des Bonner Verlags für die Deutsche Wirtschaft AG, direkt in seiner Begrüßung mit einem Zitat: „Kein Abschied von der Welt ist schwerer als der Abschied von der Macht“. Zum fünften Mal veranstaltete der Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG nun das Petersberger Forum im Steigenberger Grandhotel Petersberg, diesmal zu „Gefahren, Herausforderungen und Chancen der Macht“.

 

Exklusive Atmosphäre – prominente Redner

 

Zu diesem Thema sprachen Bundestagsmitglied Otto Schily, Jimmy Wales, der Gründer der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia, sowie der Philosoph, Trendforscher und Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin, Prof. Dr. Norbert Bolz. Durch das Veranstaltungsprogramm führte Prof. Dr. Matthias Haller, der Präsident der Stiftung Risiko-Dialog, St. Gallen. Er ist seit dem ersten Petersberger Forums, das 2002 unter dem Motto „Risiko“ stattfand, mit dabei.


In der exklusiven Atmosphäre des Petersberg-Hotels hieß Graf die Gäste und Redner herzlich willkommen und begrüßte Otto Schily als „einen wahren Praktiker der Macht“, insbesondere in seiner Amtszeit als Bundesinnenminister. Jimmy Wales hingegen habe die „Macht einer Idee“ gehabt, als er 2001 Wikipedia ins Leben rief.


Facetten von Macht


Je nach Art der Ausübung beinhaltet das Wort Macht Positives, Negatives oder Gegensätzliches: „Macht und Ohnmacht“, „Macht mit Einfluss“, „Macht der Mehrheit“ oder „Macht der Minderheit“ „fruchtbare oder fruchtlose Macht“ „schöpferische oder zerstörerische Macht“. Macht kann Macht über Menschen bedeuten, Macht haben über etwas kann zur Gewalt führen, Macht kann aber auch im Sinne von „etwas Können“ oder „etwas Vermögen“ verstanden werden. Dementsprechend wurde in den Reden das Thema Macht unter unterschiedlichen Gesichtspunkten behandelt.

 

Die Staatsmacht

Otto Schily machte den Anfang aus Sicht des Politikers: Er zeigte die mannigfaltigen Aspekte der Staatsmacht auf. Für ihn gilt es zudem, den viel zitierten Ausspruch „Wissen ist Macht“ des englischen Philosophens und Politikers Francis Bacon (1561-1626) umzusetzen. Ein gleichberechtigter Zugang zur Bildung müsse erhalten bleiben, um das Wissen als Macht für viele Menschen zugänglich zu machen. Die geistige Macht sei eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Er verwies auf den Grundgesetz- Text „Alle Macht geht vom Volke aus“ und zitierte weiter Bertold Brecht mit „Aber wo geht sie hin?“. Schily: „Die Macht qualifiziert sich jeweils nach ihren Attributen. Macht darf in der Demokratie kein Selbstzweck sein und Demokratie duldet keine Übermacht“. Politisches Handeln setze Macht voraus, jedoch müsse Macht mit Moral einhergehen und in der sozialen Marktwirtschaft sollte die Macht begrenzt werden. Staat und Wirtschaft seien sowohl Subjekte als auch Objekte der Macht. Schily forderte die Eigenständigkeit von Wissenschaft, Forschung, Kunst, Kultur, Bildung und Religion.

Bei der Machtausübung komme im Strafprozess die volle Macht des Staates zur Geltung: „Die Würde des Rechtes muss sich dort behaupten“, so Schily, und nur im demokratischen Prozess mache Macht auch Spaß. „Ich habe mich nicht als furchtbar mächtig empfunden“, resümierte er seine Zeit als Bundesinnenminister.

Machtgebrauch

Nach Schily trat Jimmy Wales ans Rednerpult. Er verwirklichte 2001 seine Idee von Wikipedia, einer kostenlosen, für jedermann auf der Welt zugänglichen Enzyklopädie mit mittlerweile insgesamt vier Millionen Artikeln in mehr als 200 Sprachen. Wikipedia, („Wikiwiki“,das hawaiianische Wort für „schnell“) zählt heute zu den 20 beliebtesten Websites auf der ganzen Welt. Das sehr komplexe System wird von freiwilligen Mitarbeitern getragen und tausende von Nutzern, die sich untereinander nicht kennen, leisten ihre Beiträge zu den Themen. Verantwortlich für die Einträge auf der Website ist eine so genannte Kern-Community. Wales sieht seine Arbeit als einen Beitrag zum Beginn einer freien Kultur beruhend auf Neutralität und Offenheit. Die soziale Komponente spielt für ihn eine bedeutende Rolle. „Wir wollen einen Dialog, am Ende der Dialoge entscheidet der Mensch“. Er betonte die Offenheit der Redaktion, deren Macht kaum missbraucht wird. Somit ist „Wikipedia“ ein großartiges Beispiel für ein weltweites demokratisches System, in dem auch Minderheiten und Randgruppen zu Wort kommen.

Böses in Gutes verwandeln

Nach dem Business-Lunch hielt Norbert Bolz, einer der brillantesten Vordenker Deutschlands und Autor zahlreicher philosophischer Bücher, seinen Vortrag über „Die Faszination des Bösen“. Er sieht eine enge Beziehung zwischen der Macht und dem Bösen, zwischen Kultur  und Bösem. „Das Böse ist schlechthin das Unbürgerliche“, erklärt Bolz, der mit „einer guten Botschaft zum Bösen“ begann. Da das Böse allgegenwärtig ist, plädierte er für ein erfolgreiches Umgehen mit dem Bösen. Der Mensch sei in der Lage, sich die Kräfte des Bösen zunutze zu machen, indem Aggressivität in Produktionskraft umgesetzt wird. Seine Devise: „Bonum durch Malum“ – „das Böse in Gutes verwandeln“. Als Beispiel nannte er die Marktwirtschaft, deren Zauberformel es sei, aus einem egoistischen Antrieb heraus, aus der schöpferischen Zerstörung heraus, Gutes zu erzeugen. „Ohne Destruktivität gibt es nichts Neues“, so Bolz. Im Marktfrieden liege die Hoffnung auf eine reale Friedlichkeit, denn, „solange die Menschen miteinander handeln, schlagen sie sich nicht die Köpfe ein“. Das bedeute aber nicht,dass das Böse ausgelöscht wird. Immerhin fasziniert die Gewalt, es gibt keinen gemeinsamen Wertekanon in der modernen Gesellschaft.

Manipulation durch Medien

Er hob die Macht der Manipulation der Medien hervor, wobei das Böse eine inszenatorische Dimension gewinnt und Bilder des Terrors und der Zerstörung eine ästhetische Dimension erhalten, nach dem Grundsatz „only bad news are good news“. Gewaltverherrlichung in Filmen führe einerseits bei radikalen Verlierern unserer Gesellschaft zur Nachahmung, um zu beweisen, dass man existiert. Andererseits stehe der Mimesis-Theorie die Katharsis, das sich Befreien von seelischen Konflikten, gegenüber. Jedoch komme das Verdrängen des Bösen in einer anderen Form wieder zum Manipulation durch Medien Er hob die Macht der Manipulation der Medien hervor, wobei das Böse eine inszenatorische Dimension gewinnt und Bilder des Terrors und der Zerstörung eine ästhetische Dimension erhalten, nach dem Grundsatz „only bad news are good news“. Gewaltverherrlichung in Filmen führe einerseits bei radikalen Verlierern unserer Gesellschaft zur Nachahmung, um zu beweisen, dass man existiert. Andererseits stehe der Mimesis-Theorie die Katharsis, das sich Befreien von seelischen Konflikten, gegenüber. Jedoch komme das Verdrängen des Bösen in einer anderen Form wieder zum Vorschein.

Wertediskussion

Nicht alle Zuhörer stimmten den Ausführungen des Philosophen in jeder Hinsicht zu. Und so folgte eine angeregte Diskussion über die Werte und den Umgang mit der Macht des Bösen in unserer Gesellschaft. Graf dankte den Rednern abschließend, sich auf das „Abenteuer Petersberg“ eingelassen zu haben. Sein besonderer Dank galt neben dem Organisationsteam dem Publikum als aufmerksame Zuhörerschaft und Diskussionspartner.

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