Luftschlössern eine Chance geben

Sie waren so leicht und schillernd wie Luftschlösser. Tausende Seifenblasen schwirrten durch den Vortragssaal. Das Experiment war gelungen. 500 gestandene Frauen und Männer aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft folgten dem charmanten Kommando eines Schweizer Professors und pusteten wie Kinder in ihre Rainbow bubbles-„Maschinen“. Das geschichtsträchtige Grandhotel auf demPetersberg wurde zur Spielwiese. Vielleicht auch zum „Bauplatz“ von Luftschlössern? Beim zweiten Puste-Angriff bat Professor Dr. Matthias Haller nämlich, jeder sollte einer besonders schönen Seifenblase einen Gedanken nachschicken, einen Wunsch. Wie viele Wünsche und Träume mögen darunter gewesen sein, deren Verwirklichung schier unmöglich scheinen? Luftschlösser!

 

Genau darum ging es beim 7. Petersberger Forum, zu dem der Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG eingeladen hatte: „Luftschlösser – Gefahren, Herausforderungen, Chancen.“ Verlagsvorstand Helmut Graf zitierte gleich zur Einstimmung eine erfolgreiche Unternehmensgründerin: „Von Luftschlössern halte ich gar nichts.“ Außerdem nannte er Synonyme für diese besondere Immobilie wie Hirngespinste, Fantasiegebilde, Wolkenkuckucksheime, deren Bauherren als Traumtänzer, Fantasten, Spinner oder Nichtsnutze gelten. Sind sie es wirklich?

 

Graf: „Luftschlösser haben es wahrlich schwer. Geben wir heute Luftschlössern eine Chance.“ Der Bonner Verlagschef erinnerte an Teilnehmer bisheriger Foren, beispielsweise an Jimmy Wales, Gründer der Internetbibliothek Wikipedia. „Sein Luftschloss war es, eine Welt zu schaffen, in der jeder Mensch auf diesem Planet unbegrenzten Zugang zu dem gesamten Wissen der Menschheit hat. Sein Luftschloss wurde Wirklichkeit.“ Er erwähnte Rupert Neudeck, den Mitbegründer des Komitees Cap Anamur, der zeigte, was aus humanitären Luftschlössern werden kann. Joschka Fischer hatte den Bauplan seines politischen Luftschlosses erklärt: die Gründung der Partei der Grünen. Für Bertrand Piccard wurde die Weltumkreisung mit einem Heißluftballon wahr. „Alle vier sind meisterliche Architekten von Luftschlössern“, urteilte Helmut Graf.

Das Luftschloss von Dr.-Ing. Peter Maskus hat nicht nur bereits einen Namen. Das Acabion steht auch schon auf der Straße, auf der Versuchsstrecke in Luzern, wo der Göttinger mit seiner Partnerin Lenka Mikova nach den Prinzipien der Bionik Autos ertüftelt oder besser: die „Nachfolger des Autos“ erfindet. Beim Forum erläuterte der frühere Automobil-Ingenieur bei Mercedes und Porsche, warum ein Umdenken erfolgen muss und vor allem wie, und dies mit solch einer Eindringlichkeit, dass wohl etliche der Forum-Besucher von dem Wunsch beflügelt wurden, doch mal mitfahren zu dürfen in solch einem Gefährt, das eher einem Delphin ähnelt als einem herkömmlichen Wagen. „Mit unserer Energieversorgung ist etwas schief gelaufen in den vergangenen 100 Jahren“, kritisierte Peter Maskus, der auf Solarenergie und die maximale Effizienz der tierischen Vorbilder setzt. „Bionik ist Effizienz“, sagte er. Der Ingenieur träumte sich 50 Jahre weiter: „Da haben wir eine Hochtrasse, in die Energie eingespeist wird.“ Eine Version des Acabion ist bereits verkaufsfertig entwickelt, ein exklusives Modell, das zur Fortbewegung in völlig neuer Form verhelfen könnte. Professor Dr. Matthias Haller, der klug und humorvoll die Fäden zwischen den namhaften Referenten knüpfte und auch auf Gefahren und Vorteile von Luftschlössern einging, kündigte außerdem die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Eva Horn und den Physiker und Fernsehmoderator Prof. Dr. Harald Lesch an.

„Wieviel Science ist in Science Fiction?“

fragte Lesch, der in München Astrophysik und Naturphilosophie lehrt. Mit seinen Zuhörern startete er zu einem solch spannenden und vergnüglichen Rundgang durch das Weltall, dass er selbst jene fesselte, die Mond und Sterne lediglich als romantisches Beiwerk der Nacht ansehen und keine utopischen Romane in die Hand nehmen würden. „Ich bin Physiker geworden, weil die Amerikaner auf dem Mond gelandet sind, und weil ich immer Perry Rhodan gelesen habe“, schmunzelte der Referent. Apollo 8 habe die große Lust auf Wissenschaft und Technik erzeugt. „Heutzutage wäre es gut, solche Symbole zu haben, um Vertrauen in die Wissenschaft zu fördern“, meinte Professor Lesch. Eine Reise zum Mars sei nicht ratsam – aus psychologischer und physiologischer Sicht. „Wir wären über Monate in einem kleinen Raum. Die Naturgesetze gelten auch im All. Die Knochen würden abgebaut. Das gäbe schlechte Bilder“, scherzte Prof. Lesch. Und: „Kein Autor von Science Fiction nimmt darauf Rücksicht.“ Was die Fremden von fernen Galaxien anbelangt: „Außerirdische, die nicht weiter sind als apple oder windows können mir gestohlen bleiben.“ Auch für das Luftschloss „Zeitreisen“ wird nach diesem Vortrag keiner mehr eine Seifenblase in den Himmel senden. Lesch: „So schön Beamen auch wäre: Man müsste die Person auf zehn Milliarden Grad hochheizen.“ Sein Fazit: „Das Gesetzbuch der Natur erlaubt zwar die Reise zu den Sternen, aber der Eintrittspreis in den galaktischen Club ist sehr hoch. Sie bedeutet enormen Einsatz an Gesundheit und Energie und völligen Verlust der Heimat. Wir müssen leider hierbleiben.“ Und: „Mein persönliches Luftschloss wäre, in einer Gesellschaft zu leben, die weiß, was ihre Schulen und Universitäten wert sind und in der alle jungen Menschen so ausgebildet werden, wie es nur geht.“

Am Boden blieb Prof. Dr. Eva Horn. „Einer der fruchtbarsten Baugründe für Luftschlösser ist zweifellos die Politik“, sagte die Autorin, die an der Universität Basel lehrt. Politik lebe von Fantasien und Utopien, aber auch von Fiktionen, Lügen und Beschönigungen. Formen der politischen Unwahrheit reichten von den Techniken der Verschwiegenheit und Geheimhaltung bis hin zum Vertrauensbruch und Verrat. Sie erläuterte drei Bautypen der politischen Luftschlösser: Schweigen, Lügen und Schwätzen. Wo das Schweigen seinen Anfang nahm? Natürlich, bei Machiavelli; Kommunikation galt als riskant. Eva Horn ging weiter ins 20. Jahrhundert, in das Zeitalter des Verrats. Sie erinnerte an die Geheimdienste, an eine Kommunikation, die mit dem Betrug des anderen schon rechnete oder an die Ulbricht-Lüge vor dem Bau der innerdeutschen Grenze: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“ Lügen hätten aber einen Vorteil: Sie könnten aufgedeckt werden. „Nur wer die Wahrheit weiß, kann überhaupt lügen.“ Genau das unterscheide die politische Lüge von der vielleicht aktuellsten Form der politischen Unwahrheit, dem Schwätzen. „Wer schwätzt, kümmert sich nicht um die Wahrheit.“ Geschwätz ziele auf Erregung. Ihr Rat: „Den Erregungen nicht folgen, sondern dort aufmerksam werden, wo es kompliziert wird.“ Der Tipp von Helmut Graf zum Abschluss? „Es lohnt sich, Luftschlösser zu erträumen.“

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