Verlagsvorstand Helmut Graf zog zunächst ein Resümee. Die Zahl von insgesamt rund 5 000 Teilnehmern bei den seit 2002 jährlich stattfindenden Petersberger Foren mache eines deutlich: das Interesse der Menschen an der Auseinandersetzung mit aktuellen
gesellschaftlichen und politischen Themen. „Ein Jubiläum liefert stets einen
Rückblick und einen Impuls für die Zukunft“, sagte Helmut Graf. Und so stand
denn auch das Forum diesmal unter dem Motto: „Jubiläum: Was uns bewegt.“
Der Gastgeber: „So lange wir leben, sind wir in Bewegung. Wir wissen vielleicht
gar nicht, was uns bewegt.“ Aber eines ahnte er wohl bereits: „Nachdem unsere
Referenten vorgetragen haben, was sie bewegt, sollten wir uns nicht wundern,
wenn wir am Ende bewegt sein werden.“

Der frühere Bundesminister Dr. Heiner Geißler, zuletzt als Streitschlichter bei Stuttgart 21 „in Bewegung“, Hirnforscher Professor Dr. Gerald Hüther sowie Moderatorin und TV-Produzentin Tita von Hardenberg referierten über ihre „Bewegungsmelder“.

„Uns bewegt vieles. Aber wohin bewegt es sich eigentlich?“ fragte Gerald Hüther, auch namhafter Sachbuchautor und Präsident der Sinn-Stiftung. Er nannte das Beispiel des Hundertjährigen, der am letzten London-Marathon teilgenommen hat. „Wir sollten uns nicht an dem orientieren, was normal ist und uns nicht mit dem Durchschnitt zufrieden geben“, empfahl er, „nicht überlegen: wann altere ich, wann beginnt Demenz? Da hat die Hirnforschung einiges zutage gebracht, es geht einiges mehr.“ Denn die Begrenzungen des einzelnen bestünden durch Vorstellungen im Kopf. „Erfahrungen verdichten sich zu einer Haltung, sie bestimmen unsere Bewertungen. Durch neue Erfahrungen lernt das Gehirn. Die Menschen können zu neuen Einstellungen gelangen.“
Unser Gehirn sei eine Baustelle. „Wir können zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens die bisher herausgeformten Verschaltungen in unserem Gehirn auch neu konstruieren“, unterstrich Hüther. „Aber dazu muss etwas passieren, was wirklich wichtig ist, was unter die Haut geht und die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert.“ Bedeutet: „Sie müssen
sich neu begeistern, sich über etwas freuen können“, spornte er seine Zuhörer an. „Nur dann werden im Hirn die neuroplastischen Botenstoffe gebildet und ausgeschüttet, die wie Dünger wirken. Freuen Sie sich – dann geht die Gießkanne auf und düngt Ihr Hirn!“
Der Professor, der mit seinen Ausführungen das Publikum mitriss, nannte ein weiteres Beispiel. Es nütze nichts, das Telefonbuch auswendig zu lernen, um das Hirn zu trainieren. „Hirntechnisch ist es kein Problem, mit 85 Jahren Chinesisch zu lernen. Aber der Mann müsste sich in eine junge, hübsche Chinesin verlieben. Wenn er dann mit nach China geht, kann er in einem halben Jahr die Sprache.“ Begeisterung ist alles. „Arbeite ich für ein sterbendes Medium?“ Diese Frage stellte sich Moderatorin Tita von Hardenberg, um sogleich die Antwort anzuhängen: „Ich glaube nicht, dass es sterben wird, aber es verändert sich rapide.“ Die Internet-Generation der heute 20- bis 30-Jährigen denke anders, konsumiere anders. „Es hat ein regelrechter Kulturwandel stattgefunden.“

Vor allem die öffentlich-rechtlichen Medien würden das spüren. Das Durchschnittsalter
ihrer Zuschauer steige. Vielen ganz jungen Leuten wären Namen wie ARD, ZDF oder ARTE kein Begriff mehr. „Wo stecken die jungen Zuschauer?“ Die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen also. Tita von Hardenberg: „Das Dschungelcamp ist
die beliebteste Sendung mit 4,7 Millionen jungen Zuschauern, gefolgt von Supertalent und Superstar. Von hundert beliebten Sendungen sind 55 bei RTL, 20 bei Pro 7, zwölf bei Sat 1 und nur fünf bei der ARD.“ Und: „Für junge Leute ist das Fernsehen ein Nebenbei-Medium. Das schmerzt. Diese Generation nutzt parallel Onlinekanäle wie Twitter und Facebook sowie internationale Sender und ist an zeitunabhängigen Angeboten interessiert“, so die Referentin. Die TV-Produzentin entwickelt für den neuen Kanal ZDF-Kultur Sendungen und
präsentierte dem Publikum einen Ausschnitt als Kostprobe. Ihre Thesen für die Zukunft: Akzeptieren, dass Zuschauer parallel andere Quellen checken, den Zuschauer ernst nehmen, ihm Rede und Antwort stehen, es nicht bei einer einseitigen Berieselung belassen, einen anderen Stil p egen. Ihre Eingangsfrage beantwortete sie optimistisch: „Die Lage
ist ernst, aber nicht hoffnungslos.“

Heiner Geißler hat schon viel bewegt. Und der frühere CDU-Politiker sorgte für Aufsehen mit seinem Eintritt in die Organisation attac. „Was steckt eigentlich dahinter, dass plötzlich Bürgeraufstände an der Reihe sind?“ dozierte der 81-Jährige. Und: „Wer sind diese Menschen, die sich engagieren? Sind es die üblichen Verdächtigen, verkappte Terroristen, Wutbürger?“ Geißler bemühte Goethe. „Wir leben in einer Zeit, in der wir feststellen müssen, dass die Elite dem faustischen Machbarkeitswahn erlegen ist.“ Mit
Macht ausgestattete Menschen würden andere der Gefahr aussetzen, um Kosten zu sparen. Die Beispiele gingen Geißler nicht aus: von der Ölpestkatastrophe im Golf von Mexiko über die verschütteten Bergleute in Chile bis zur Finanzkrise. Geißler prangerte den „Privatisierungswahn“ an, etwa bei der Bahn. Das Kostenargument nannte er ein Scheinargument. „Es gibt auf der Welt Geld wie Heu, es ist nur völlig falsch verteilt. Milliarden werden täglich an den Börsen hin- und hergeschoben.“ Der Charismatiker
echauf erte sich: „Sie zahlen für jede Windel Umsatzsteuer, die Spekulanten beteiligen sich mit keinem Cent an der Finanzierung der Menschheitsaufgaben.“ Für ihn eine bedeutende Frage: „Sind die Politiker in der Lage, sich gegen diese Interessen durchzusetzen?“ Seiner Einschätzung nach glauben die Menschen nicht mehr daran. „Sie haben Angst um ihr Geld.“ Geißler: „Heute gewöhnen wir uns daran, ein Prekariat zu haben. Das ist eine unglaubliche Entwicklung in Deutschland.“ Beteiligung der Bürger, totale Transparenz bezeichnete
er als unausweichliche Voraussetzungen für das Zurückgewinnen von mehr Demokratie und Glaubwürdigkeit.

Helmut Graf machte zum Abschluss Mut: „Wenn Sie nun sagen ,Ich bin ein zu kleines Licht, um etwas bewegen zu können’, so bedenken Sie einmal die Wirkung der Mücke, wenn Sie schlafen möchten.“ Und: „Die guten alten Zeiten sind vorbei. Bessere stehen an.“ Mit Slam-Poet Bas Böttcher und Trompeter Frank Braun konnten die Besucher auf der Stelle zu
neuen poetischen Ufern aufbrechen.

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