Freiheit als größtes Kunstwerk der Menschheit

Einen besseren Zeitpunkt und Ort hätte man für ein Symposium zum Thema Freiheit kaum wählen können: Hoch über dem Rhein, bei strahlend blauem Himmel und guter Fernsicht. 470 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren der Einladung der Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG gefolgt, sich einen Tag lang intensiv mit einem Schlüsselbegriff des menschlichen Lebens auseinander zu setzen. Nach den Foren der Vorjahre zu „Risiko”, „Misstrauen” und „Mut” hatte sich der Verlag 2005 „Freiheit” als Thema auserkoren. Auch in historischer Hinsicht war das Petersberger Gästehaus als Tagungsort gut gewählt, wie Verlagsvorstand Helmut Graf in seiner Begrüßungsansprache verdeutlichte. Mehrfach war der Petersberg schon Zeuge für bedeutende Schritte zur Freiheit: Nach dem Krieg hatten die Allierten hier mit Adenauer das FundaVonment für die Bonner Republik gelegt und ein halbes Jahrhundert später hatte die Afghanistan-Konferenz den Beginn eines hoffentlich freieren und friedlicheren Afghanistans eingeläutet. Dass Freiheit errungen und erkämpft werden muss – darin stimmten alle drei vom Verlag geladenen Rednerinnen und Redner aus ihren unterschiedlichen Blickwinkeln überein: Prof. Dr. Rüdiger Safranski als Philosoph, Tita von Hardenberg als Fernsehmacherin und Expertin für Jugendthemen und Prof. Dr. Margarita Mathiopoulos als Politikwissenschaftlerin. Wie ihre Redebeiträge dem aufmerksamen und diskussionsfreudigen Auditorium aufzeigten, ist Freiheit gesellschaftlich und auch individuell ein zerbrechlicher, immer wieder neu zu füllender Zustand.

 

„Freiheit ist außerordentlich sympathisch”, darauf wies zur Einstimmung der Schweizer Risikoexperte und Moderator der Veranstaltung, Prof. Dr. Matthias Haller hin. In einer Umfrage zum Sympathieranking von Werten war Freiheit nur ganz knapp geschlagen von Gerechtigkeit auf dem zweiten Platz gelandet. Während Freiheit so hoch geschätzt wird, tun wir uns jedoch schwer damit, sie wirklich zu begreifen. Wie der Philosoph Rüdiger Safranski ausführte, sind wir sogar „so frei, die Freiheit weg zu erklären”. Was in früheren Zeiten der religiöse Determinismus war, wonach der „Mensch denkt und Gott lenkt” sind heute die Natur- und hier speziell die Gehirnwissenschaften, die die menschliche Handlungsfreiheit in Frage stellen.

„Wunderwerk freie Gesellschaft: Wir konkurrieren uns empor”

Rüdiger Safranski wagte einen Blick „in die Betriebsgeheimnisse einer modernen freiheitlichen Gesellschaft“ und beschrieb die Mentalität des „Konsumenten“ einer freiheitlichen Gesellschaft, der die Freiheit nur schwer begreife. Wundern müsste man sich eigentlich über das „Wunderwerk, freie Gesellschaften bilden zu können“. Für Friedrich Schiller war eine freie Gesellschaft das der Menschheit größtmögliche Kunstwerk. Denn, wie Schiller-Biograph Safranski ausführte, ist der Mensch eben auch frei, das Böse zu tun. Aber wie kann „aus dem krummen Holz des Menschen” dann doch noch etwas werden? Schillers Antwort lautet: „Wir konkurrieren uns empor”. Die Aggression wird in der Konkurrenz gebremst. Und aus dem Spannungsfeld der Kräfte erwächst in der Konkurrenz der historische Fortschritt.

Gewaltenteilung zum Schutz vor Tyrannei

Dabei ist die Freiheit auch immer wiederin Gefahr, zur tyrannischen Mehrheit zu werden. Schutz vor dieser Entwicklung bietet die Gewaltenteilung. Safranski bezeichnet sie als gelebte Machtkonkurrenz. In seiner Analyse ist der moderne Sozialstaat ein Ergebnis der Gewaltenteilung von Politik und Ökonomie. Bekommt eine Seite die Überhand, wird es ruinös, wie die Beispiele der gescheiterten Ostblockstaaten oder auf der anderen Seite die Auswüchse der Globalisierung zeigen. Aber auch im individuellen Kontext geht es um Gewaltenteilung: Die Freiheit der Begierden und der Vernunft wollen immer wieder neu austariert werden. Dabei sieht sich die Menschheit in Safranskis Augen bald ganz neuen Herausforderungen gegenüber, da sich die Freiheit der Vernunft per Genmanipulation auf die biologische Substanz des Menschen erstrecken könne. „Zur Selbsterkenntnis schauen wir dann einfach in den Katalog, aus dem heraus unsere Eigenschaften seinerzeit zusammengestellt worden sind.“

 

Freiheit aus der Sicht der Jugend

 

Tita von Hardenberg, bekannt als Moderatorin der auf Jugendfragen orientierten ARD-Sendung „Polylux” thematisierte das Verhältnis der jungen Generationen zur Freiheit. Nach ihrer Beobachtung besteht ein gesellschaftlicher Trend in der Zunahme der „Kidadults”, der jungen Menschen, die sich weigern, erwachsen zu werden. Sie wohnen noch mit Mitte 20 zu Hause und frönen noch mit Mitte 30 der Partykultur. Dazu gehört für viele, sich beruflich nicht fest zu legen, und die Gründung einer Familie möglichst weit in eine unbestimmte Zukunft zu verschieben. Hier droht die in den vergangenen Jahrengewonnene Liberalisierung, die dem Einzelnen Experimente erlaubt, zu einer Haltung der totalen Unverbindlichkeit zu werden. Gleichzeitig wird diese Freiheit selbst zum Zwang, den Safranski treffend ironisierte: „Muss ich heute schon wieder das tun, was ich selbst will?”

Die Freiheit will erlernt sein

Die Gegenbewegung zur totalen Unverbindlichkeit ist jedoch auch schon aktiv. So wächst die Attraktivität von radikal- religiösen Gruppierungen, die mit strikten Regeln zunehmend mehr Jugendliche anziehen. Als Mittelweg bleibt die Aufgabe, Freiheit zu lernen. Tita von Hardenberg definierte diese Aufgabe als „Willen zur Selbstführung”. Frei werden bedeutet in diesem Sinn „nicht alle Freiheiten zu nutzen”. Gleiches bezeichnete Safranski als „Selbstbegrenzung um der Freiheit willen“. Doch wie das lernen? Als Mutter zweier kleiner Kinder gab die Fernsehjournalistin die Frage, ob Freiheit trainierbar sei, schließlich an das Auditorium weiter und initiierte damit eine lebhafte Diskussion.

Das Kernprinzip der Demokratie

Der politische Blickwinkel stand im Mittelpunkt des dritten Vortrags von Prof. Dr. Margarita Mathiopoulos. Sie betonte die Rolle der Freiheit als „Kernprinzip der Demokratie, die nie garantiert ist und immer wieder erkämpft werden muss“. Dabei machte sie deutlich, dass Freiheit seit der Antike das wichtigste Thema der Menschheit ist. Und dass seit der Antike ununterbrochen versucht wird, die Freiheit wieder abzuschaffen. „Mauern sind immer wieder aus Angst vor der Freiheit errichtet worden.“ Denn das Leben in Freiheit birgt eben auch Risiken. Engagiert betonte sie die Bedeutung der transatlantischen Zusammenarbeit für die europäische Freiheit. „Westliche Demokratien müssen wehrhaft bleiben, das allerdings mit Augenmaß.“ Dabei machte sie deutlich, dass wir beim Versuch des Schutzes der Freiheit nicht aufgeben dürfen, was wir schützen wollen.

Den Schlussworten des Gastgebers, Verlagsvorstand Helmut Graf, war deutlich anzumerken, wie bewegend das Thema und die Beiträge der Referenten waren: „Freiheit hat eine viele größere Relevanz als uns im Alltagsleben bewusst ist”. Der lang anhaltende Applaus für die Redner und die Veranstalter bildete den Schlusspunkt einer gelungenen Veranstaltung.

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