In der Angst steckt Kraft

Ob Konrad Adenauer im Jahre 1949 ein klitzekleines Quäntchen Angst hatte oder eher nicht? Der gerade zum Bundeskanzler gewählte Rhöndorfer trat jedenfalls flugs zu den Hohen Kommissaren auf den edlen Läufer, der für ihn eigentlich tabu war. Die Vertreter der siegreichen Westmächte hatten Adenauer nach seiner Wahl herzitiert, um ihm das Besatzungsstatut zu überreichen. Als „Teppichszene vom Petersberg“ ging Adenauers vorwitziger Schritt in die Geschichte ein.

 

An diesen historisch bedeutsamen Ort hatte nun Helmut Graf, Vorstand Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, zum 6. Petersberger Forum eingeladen. Das Thema 2007: „Angst – Gefahren, Herausforderungen, Chancen“. Und der Gastgeber stellte zur Begrüßung gleich nachdenklich machende Zahlen aus der „Angststudie“ einer Versicherung in den Raum: „Jeder zweite Bundesbürger hat inzwischen Angst vor der Zukunft. Am ängstlichsten ist dabei die Altersgruppe der 40- bis 59-Jährigen. Generell sind die Ostdeutschen ängstlicher als die Westdeutschen, Frauen ängstlicher als Männer. Fünf Millionen Deutsche leiden unter Panikattacken und haben bereits einen Arzt aufgesucht. 10 bis 15 Millionen sollen unter Angstzuständen leiden, ohne sich behandeln zu lassen.“ Helmut Graf: „Angst zu haben ist ein zumeist zentrales menschliches Gefühl. Jeder hat Angst, jeder muss Angst haben, um zu überleben, zu leben und zu leisten. Als Alarmsystem ist Angst sinnvoll und notwendig. Gesunde Angst versetzt den Körper in Anspannung und Aufmerksamkeit. Unsere Sinne werden geschärft. Angst und Freude sind Vergrößerungsgläser.“

 

 

Sei Angst etwa „ein Megatrend unserer Zeit“, fragte der Verlagschef, der auch die stellvertretende Landrätin des Rhein-Sieg-Kreises, Uta Gräfin Strachwitz, begrüßen konnte. Und er warnte: „Angst wird gebraucht und missbraucht. Nach dem Motto: ,Das darf nicht mehr passieren’ werden auf Kosten der Freiheit die Ängste gemanagt und scheinbar gebannt. Ein Geschäft mit der Angst.“

Der Bürger der Angstgesellschaft werde ständig ermutigt, auf Nummer sicher zu gehen. „Angesichts der drohenden ängstigenden Verhängnisse geht er freiwillig, vorsorglich, präventiv geduckt.“ Das „Opfer auf Abruf“, etwa für den Abschluss von Versicherungen, den Absatz von Sicherheitsprodukten oder aber die Einschränkung von Bürgerrechten machte Helmut Graf aus. 420 verschiedene, klinisch beobachtete Ausprägungen von Angst hat der Amerikaner Fred Culbertson zusammengestellt. Graf nannte Beispiele aus dieser Liste, die von der Angst vor Waschen und Baden über jene vor Spinnen bis hin zur Angst vor öffentlichen Reden reichten.

Nun, den Auftritt vor rund 500 Gästen des Forums scheuten jedenfalls nicht die hochkarätigen Redner dieser Veranstaltung – Professor Elisabeth Bronfen, die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin, der Stressforscher und Neurobiologe Professor Gerald Hüther sowie Ex-Außenminister Joschka Fischer, die sich aus ihrer Perspektive dem Phänomen Angst näherten. Durch den Tag führte Professor Matthias Haller aus Sankt Gallen, der diese „Petersberg-Gipfel“ des Verlages von Anfang an moderiert. Zig Finger schnipsten in die Höhe, als er fragte, wer denn bereits wenigstens zum dritten Mal der Einladung auf den Petersberg gefolgt sei. Diese Treue dürfte nicht nur dem noblen Ambiente des Steigenberger Grandhotels Petersberg und der herrlichen Fernsicht bei strahlendem Sonnenschein in jedem (!) Jahr geschuldet sein, sondern in erster Linie den Themen: nach Risiko, Misstrauen, Mut, Freiheit und Macht nun also Angst. Professor Haller machte ein Spiel mit dem Auditorium: „Was assoziieren Sie mit Angst? Ich gebe Ihnen eine Minute, um sich mit Ihrem Nachbarn darüber auszutauschen.“ Heftiges Gemurmel setzte nach dieser Aufforderung ein. Angst – offensichtlich hatte jeder aus Erfahrung etwas zu sagen. Nun ist nicht Angst gleich Angst. Es gibt jene Angst mit dem rationalen Faktor,bei der – durch Analyse – Risiko und Gefahren beherrscht werden können, und die irrationale Angst, die Haller anhand von Zeitungstiteln wie „Die Angst des Rauchers“ verdeutlichte.

Professor Dr. Elisabeth Bronfen, Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der Universität Zürich, war mit einigen Nervenkitzlern angereist. Sie zeigte Ausschnitte aus berühmten Filmen, in denen Angst machende Momente die Zuschauer erreichen, das Kino als Bühne extremer Emotionen dient. Und sie stellte fest: „Wir können Angst genießen. Angst ist ein extrem kreativer Zustand. Angst fasziniert uns.“ Auf die Frage aus dem Publikum, wie sie sich denn erkläre, dass Angst schürende Filme immer populärer würden, gab die Wissenschaftlerin eine interessante Antwort: „Auf der Bühne stirbt der andere und nicht ich“, meinte sie.

Professor Dr. Gerald Hüther, der an den Universitäten Göttingen, Mannheim und Heidelberg lehrt, stellte seine Ausführungen unter das Motto: „Süchtig aus Angst? Moderne Formen der Angstbewältigung“. In einer gekonnten Mischung aus wissenschaftlicher Analyse und verständlicher Darlegung wurde bei ihm das Thema regelrecht zum „Spaß an der Angst“. Er meinte zum Auftakt: „In der Angst scheint eine unglaubliche Kraft zu stecken. Wo man handeln kann, verschwindet die Angst.“ Hüther berichtete von einem extremen Angst- Moment seines Lebens. Mit einem selbst gefertigten Pass war er als junger Mann aus der DDR in den Westen geflüchtet. Erst als der Kontrolleur seine Passnummer auf einer Liste suchte, stellte sich die Angst ein. „Da wurde es rot in der Großhirnrinde, Übererregung“, zeigte er auf eine Abbildung, die die Angst-Abläufe im Gehirn darstellte. Der Umgang mit der Angst sei früher trotz Hunger oder Krieg einfacher gewesen: „In Katastrophensituationen gibt es keine Angst. Je höher der Druck von außen, um so eher ist klar, was getan werden muss.“ Hüther nannte ein Gegenmittel zur Angst: Vertrauen.

Schließlich betrat nach dem Business- Lunch Joschka Fischer die Bühne. Er sprach über „Politik der Angst“. Fischer, Gastprofessor an der Princeton University nach seinem Abgang aus der Politik, beleuchtete die Situation auf dem Globus: „Die Welt erscheint uns heute weniger klar als vor 1989. Das erweiterte Europa macht uns Angst. Aber USA und Russland nehmen gegenwärtig Europa nicht ernst.“ Er ging auf die schwierige Nachbarschaft Europas, auf Terrorismus und Nuklearwaffenversuche im Iran ein. „Habe ich jetzt Angst gemacht? Das ist nur eine realistische Betrachtung.“ Seine Antwort lautete: „Unsere Zukunft braucht ein starkes Europa.“ Fischer: „Es gibt keinen Mut ohne Angst vorher. Angst wird in Handeln umgesetzt. Aber die Politik, die Ängste schürt, betreibt die Ausbeutung dieses Gefühls.“ Haben Politiker Angst? „Ja“, gab er zu. Voreinander? – „Selten“. Vor Wahlniederlagen? „Ja, aber das kann auch ein Segen sein.“

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